Mit dem Megaphon den Finger auf die Wunde gelegt: Landesweite Schülerdemo – auch in Heidelberg gab (und gibt es eine Kundgebung unter dem Motto“Bildungsblockaden einreißen!“.
Die Jugendrätin der Stadt Heidelberg, Hannah Eberle brachte Ergebnisse verfehlter Bildungspolitik so auf den Punkt:
“Kommerzialisierung, Chancenungleichheit, Ausstattungs,- und Lehrkräftemangel oder zu große Klassen sind Folgen fehlender Investitionen und Politischen Willens. Die Mißstände häufen sich und vergangene Reformen sowie Diskussionsansätze reihen sich nur in die lange Liste der Fehlschläge ein“. Genau so ist es. Die streitbare Jugendrätin kratzte jedoch nicht nur an der Oberfläche sattsam bekannter Probleme, sondern geht ans Eingemachte;
“Wollen wir uns wirklich in Noten von eins bis sechs einteilen lassen“, fragt sie, und beklagt, man sei von der Gunst der Lehrer abhängig, die sich eines äußerst
fülligen Arsenals an Strafen und anderer kurioser Druckmitel bedienen könnten, um dem Lehrer unliebsames Verhalten an den Pranger zu stellen und weiter: „Pseudoobjektive Bewertungssysteme wie Noten, Punkte und so weiter verhinderten ehrliches Lernen. “Sie förderten das „bulimische Vollstopfen mit Wissen kurz vor Klausuren, um es danach wieder auszukotzen“. Hartmut von Hentig hätte das kaum drastischer und insofern auch kaum besser formulieren können.
Wir hingegen nehmen das zum Anlaß, uns polemisch zu beschäftigen mit der Bildungsreform, dem „Lehrer an sich“ und damit, dass der Lehrer “gut” sein müsse:
In der Tat kann keine Bildungsdebatte davon ablenken, dass alle Strukturreform leerläuft, wenn die Lehrer nicht gut sind. Was einen guten Lehrer (ein für alle mal: LehrerIn) ausmacht, wie zentral die Rolle als Wissensvermittler, Ansporner und Entflammer ist (sein kann), weiß eigentlich jeder, der eine(n) solchen hatte. Umso erstaunlicher, wie schnell man diese Grundwahrheit im Wust der Reformdiskussionen aus dem Auge verliert und sich mit wohlfeiler Lehrerschelte zufriedengibt.
Man beschwört die Bildung als Ressource der Zukunft, Ministerin Schavan machen eine Bildungsreise durch Deutschland – alles schön und gut – aber wo ist ein Forum in Sicht, auf dem mit vergleichbarer Energie über die Verbesserung des Lehrerstands geredet worden wäre? Sachkundig, analytisch und konstruktiv, unter Verzicht aufs Abspulen der ewigen Pauker-Schüler-Klischees (wir kommen noch drauf und bedienen uns), in der Überzeugung, dass man an eine Zukunftsfrage der Gesellschaft rührt, die alle Aufmerksamkeit wert ist: Eine zu führende Debatte stehe unter dem Slogan „Auf den Lehrer kommt es an“. Um ein Missverständnis zu vermeiden: Es geht nicht darum, aus der stets ein klein wenig mehr als gar nicht (beinahe ja schon charmant) verrückten Institution Schule plötzlich ein Arkanum der Bildung und Menschenliebe zaubern zu wollen. Hier gilt vielmehr, was Adorno in den „Tabus über den Lehrerberuf“ schreibt: „Prinzipiell bleibt, was in der Schule geschieht, weit hinter dem leidenschaftlich Erwarteten zurück.“ Gleichwohl muss der Defätismus durchbrochen werden, mit dem man die Schule als einen hoffnungslosen Fall, den Lehrer als einen unverbesserlichen Unterrichtsbeamten abtut, der (und, was Wunder die) sind es ja oft genug und leider in der Regel.
Derzeit wird der Lehrer – wo sie es nicht selber tun – zum Dienstleister am Kind degradiert. Er steht ganz am Rande der Diskussion. Dass dies so ist, hat er auch seiner eigenen passiven Haltung zu verdanken. Psychisch gebeutelt zwar, aber eben doch mit stoischer Ruhe erträgt die Lehrerzunft die folgenlose Kritik. „Lehrer sollten lernen, politisch zu denken und zu handeln“ …
Seien wir also mal – und weil diesem Thema wie wir meinen erst mal kaum anders beizukommen ist als – in vino veritas: polemisch-kontruktiv-analytisch:
“Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein, wie die Jugend vorher und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten”. Dies ist zu lesen auf einer babylonischen Tontafel, deren Alter auf mindesten 3000 Jahre geschätzt wird, die Klagen sind erstaunlich stereotyp. Es ist der Menschheit, es ist schon gar nicht den Pädagogen im Laufe der Jahrtausende gelungen, dieses immer wieder auf’s neue aktuelle Problem zu lösen. Hingegen sind die Probleme zwischen den Generationen häufig von Pädagogen hergestellte Polarisierungen.
Die Schlimmste Plage der Schule ist die Langeweile – und sie wird nicht durch menschlicheren Umgangang aufgehoben. Vielleicht ist es ja sogar so, dass dieser die Schüler eines lange bewährten Exerzierfeldes ihrer tätlichen Phantasie gerade beraubt: ihrer sachlichen und sozialen Intelligenz des “Lehrerärgerns”, des listigen Widerstandes gegen den “Feind”, des ausgeklügelten Unterlaufens der lästigen Forderungen …
Wiewohl Lehrer von altersher die Rute als Standessymbol haben, hat fortschrittliche Schule Rohrstock, Rute und Prügelstrafe längst ersetzt. Gleich in welchem Fach – Ausnahmen sind die Ausnahme – haben Lehrer seit Generationen schon subtilere Gemeinheiten hervorgekramt um ihren Frust abzulassen: Frust darüber, dass sie nicht begnadete Dirigenten, hochbegabte Physiker, Nobelpreisverdächtige Chemiker, berühmte (gutverdienende) Autoren, gut bestallte Mathematiker oder ihrer Zeit vorausgeeilte bildende Künstler haben werden können, weil sie wegen pekuniären oder welchen Mangels auch immer gezwungen waren, in die Niederungen des drögen Schulalltages hinabzusteigen. Lauter verkommene Genies des schnöden Broterwerbes, des Mammons wegen. Müssen einem da nicht die Tränen kommen? Den Schülern zumal?
Das eigentlich Infantile des Lehrers zeigt sich darin, dass er den Mikrokosmos Schule, der gegen die Gesellschaft der Erwachsenen mehr oder minder abgeschottet ist – Elternbeiräte oder ähnliches sind verzweifelte Versuche, diese Mauer zu durchbrechen -, dass er die ummauerte Scheinwelt mit der Realität verwechselt. Nicht zuletzt darum verteidigt die Schule so hartnäckig ihre Wälle. Zu alledem kommt ein soziales Moment, das fast unaufhebbare Spannungen bedingt. Das Kind wird – oft genug bereits im Kindergarten – aus den unmittelbaren, hegenden, warmen Verhältnissen der Familie herausgerissen und erfährt an der Schule jäh, schockhaft, zum ersten Mal Entfremdung. Schule ist für die Entwicklung von Kindern der Prototyp gesellschaftlicher Entfremdung aberhaupt. Darum – auch darum – ist es so zum Verzweifeln schwer für Lehrer, es “recht” zu machen, zumal ihr “Job” ihnen die – in den meisten anderen Berufen mögliche – Trennung ihrer Arbeit von persönlicher Befriedigung eigentlich verwehrt.
Trivialer Beleg dafür mag sein, dass, sofern in Heiratsannoncen – das ist in der Tat lehrreich – Lehrer oder Lehrerinnen den „Partner fürs Leben“ suchen, betonen, sie seien keine Lehrer- keine Schulmeistertypen; diese beruhigende Versicherung ist meist dabei. Unverkennbar hat der Beruf des Lehrers, verglichen mit anderen akademischen Berufen, das Aroma des gesellschaftlich nicht ganz Vollgenommenen. Lehrer, wie es sie immer noch gibt, beweisen sich in Archaismen wie Keifen, Querulieren, Schelten und dergleichen – in Reaktionsweisen eben, die immer ebenso nahe an der physischen Gewalt sind, wie sie etwas von Unsicherheit und Schwäche verraten. An Richter, an Polizisten, an Verwaltungsbeamte an „Blaumänner“ sogar, ist einige – reale – Macht delegiert. Aber Lehrer, die zwar auch Macht, aber nur über Solche haben, die als nicht voll gleichberechtigt gelten – und das sind Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule -, werden im öffentlichen Bewußtsein nicht ernst genommen. Was Wunder, dass die Macht des Lehrers verübelt wird. Verübelt, weil sie “wirkliche” Macht, die vielleicht bewundert wird, allenfalls parodiert. Von älteren Schülern, spätestens aber in der “Abi-Zeitung”, werden die Lehrer festgenagelt als der Typ Pauker, der zwar irrational despotisch, dennoch aber nichts ist als ein Zerrbild des Despoten; kônnen sie doch nicht mehr Schaden anrichten, als irgendwelche armen Jugendliche – die Opfer – stundenweise zu arrestieren (wegen zuspätkommens etwa). Der angerichtete Schaden gilt dem Schüler unterer Klassen freilich kaum mehr, als das Damoklesschwert der Lehrer, den Numerus clausus zu Ungunsten der Lernenden auszunutzen: als späte Rache. So lernen Schüler dann zu guter Letzt in den oberen Klassen doch noch das Schleimen, Kriechen, Denunzieren und all das, was fürs Leben taugt … “Non scholae se vitae”, so werden Kinder auch heute immer noch ruiniert. Im Leben nämlich sind Spezialisten gefragt, die immer mehr über immer weniger wissen, währenddessen doch die Schule Menschen macht, die immer weniger über immer mehr wissen. Oder sollte mittlerweile etwa in Mathematik das Wissen darüber beigebracht werden, dass die Summe von Nullen eine gefährliche Zahl ist – auch dies wäre etwas fürs Leben gelernt!
Derzeit sind wir doch alle einträchtig gegen Gewalt – Zensuren in der Schule: ist das nicht auch Gewalt? Schüler erleben, welchen Zufälligkeiten Notengebung ihre Entstehung verdanken und mit welchem Zutrauen – von unreflektierter Naivität bis zur Selbstgerechtigkeit – in die Richtigkeit des Urteils sie mitunter noch erteilt werden. Da möchten wir doch empfehlen, sich Gedanken darüber zu machen, dass schließlich der Lehrer kein isolierter oder gar neutraler Fremdbeobachter, sondern in die sozialen Interaktionen integriert ist, und dass er ständig damit rechnen muss, selektiv wahrzunehmen. Jedenfalls sind Aussagen über die intellektuelle Kapazität von Schülern in Wirklichkeit allemal Aussagen über Anpassung an die Vorstellungen des Lehrers, über „gutes Betragen“ und „Fleiß und Mitarbeit“. Es bedarf der Erziehung der Erzieher – die aber wären (sollten sein) als Betroffene am ehesten in der Lage zu begründen: Erziehen soll man sein lassen!
Oder, provozieren wir mal die Damen und Herren Beamten und Beamtinnen und meinen, den Beamtenstatus abzuschaffen sei ein erster Schritt: Weg nämlich von falschen Privilegien, hin zu vermehrter Kontrolle.. Mangelhafte Leistung müsse Sanktionen nach sich ziehen, nicht nur für den Schüler, sondern auch für den Lehrer.
Die Lehrerschaft müsse, denken wir mal, Qualitätssicherung auch auf ihre eigenen Fahnen schreiben. Das „Weiter so“ der Unfähigen und die Verschleierung der Inkompetenz darf nicht länger vom Beamtenstatus gedeckt werden.
Denn was wäre die Alternative? Steigen wir mal in dass Innenverhältnis Schule ein und schauen mal, wie „das System“ mit – so sie als solche erkannt wurden, mit „schlechten“ – Lehrern umgeht. Hier ist klammheimlich Mobbing verordnet. Es ist ein Skandal, dass, um solche „Pädagogen loszuwerden, Schulleitern (und Kollegium) oft keine andere Wahl bleibt, als sie rauszuekeln. Dabei wird – was Wunder – das Problem aber nur (auf die nächste Schule) verschoben: Der unfähige Lehrer treibt dann dank seiner beamtlichen Unkündbarkeit vor anderen Schülern sein Unwesen. Das System Schule legt sich auf diese Weise selbst lahm. Die gute Arbeit, die zweifelsohne (und das sei hier ausdrücklich eingeräumt) von sehr vielen außerordentlich engagierten Lehrern geleistet wird, verpufft, ohne richtig genutzt zu werden. Wo nun aber gute Arbeit getan wird, wie soll die Qualität des Unterrichts bewertet werden? Lehrproben helfen da deutlich nicht weiter..
Dabei nämlich bewerten in der Hierarchie höherstehende Lehrer untergeordnete Lehrer. Das ist einseitig Und: es sind ja keineswegs immer die „Höherchargierten“, die man nicht loswerden will. Wie wäre es damit, die Schüler in die Bewertung miteinzubeziehen – wäre es auch nur, um die oft kontraproduktive Benotung von Lehrern im Internet auf den einschlägigen Websites überflüssig zu machen. Dazu könnte ein jährlich auszufüllender, detaillierter Fragebogen entwickelt werden, die eine „geregelte Rückmeldung“ erlaubte.
In einem Gespräch zwischen Lehrer und Schulleiter (der freilich seine Erfahrung – mal konkret Heidelberg, Hölderlin – nicht so gut wie ausschließlich in der Karlsruher Schulbürokratie gesammelt haben sollte, aber der ist ja jetzt pensioniert) könnten dann die Ergebnisse der Auswerftung solcher Fragebögen besprochen werden.
Dass das erstmal der Weisheit letzter Schluss gewiß nicht sein kann, aber vielleicht zu guter Letzt ein weiser Anfang, das muß dabei gern in Kauf genommen werden dürfen. Und wäre mehr als nix!
Und wenn dann Lehrer, Schüler und Eltern in ein Gespräch darüber kommen, was sie vom Unterricht erwarten und wie Leistung innerhalb dieses Unterrichts zu bewerten wäre. Bereits schon die Entwicklung solcher Fragebögen könnte hier ein erster Schritt sein. Effiziente Coaching-Kurse (die bekommt heute jeder Handy-Vertreter mit auf seinen Weg) sollen es den Lehrern ermöglichen, aus Fehlern zu lernen. Das fordert starke Persönlichkeiten, die vom System Schule aus mancherlei Gründen nicht gerade begünstigt werden.
Wer sich einmal in einem Kurs für Referendare umgesehen hat, weiß, dass die lockende Verbeamtung (wie ein 15-Punkte-Abi für die Entscheidung Medizin zu studieren) Rattenfängerqualität hat. Zumal in Zeiten der Generation „Praktikum“ und „Unsicherheit“ bietet der Lehrerberuf oft die einzige Aussicht auf ein halbwegs abgesichertes Leben, wird er mehr denn je zur Wärmestube.
Was ein Lehrer aber braucht, das sind Flexibilität, Mut, Durchsetzungkraft und Begeisterung für das zu vermittelnde Fach. Eigenschaften, die jemandem, der mit Vorliebe auf Nummer Sicher geht, völlig abgehen. Ein Mangelfach gewählt zu haben, gewährleistet dann eine beschleunigte Verbeamtung. Ein genuines Interesse für das Fach ist gemeinhin Nebensache.
Mit alledem geht Lehrern eben genau das verloren, was sie am nötigsten brauchen, um pädagogische Strahlkraft zu entwickeln, um Pädagoge sein zu können: die Achtung vor ihrem eigenen Beruf.
Wenn aber der Lehrerberuf nicht mal von denen geschätzt wird, die ihn ausüben, wie soll er dann Anerkennung finden? Wie sollen Lehrer dann Schüler begeistern?
Jürgen Gottschling





